Gropius-Bau

Greifswalder Gropius-Bau vor 135 Jahren der Nutzung übergeben

Die Universitätsbibliothek Greifswald hat im September 1882 ihr erstes eigenständiges Gebäude in Betrieb genommen. Es ist von Martin Gropius (1824-1880) entworfen worden, einem Bewunderer Schinkels und Architekten des Berliner Gropius-Baues (dem damaligen Kunstgewerbemuseum).

Der Bau war noch vor seinem Tod 1880 begonnen worden. Sein erster, 1874 in Auftrag gegebener, Entwurf war vom preußischen Kultusministerium als zu teuer verworfen worden; das Ministerium hatte noch kurz vor Baubeginn und gegen die Argumente der Bibliotheksleitung eine Verringerung der Gebäudebreite durchgesetzt.

Die heute so genannte »Alte Universitätsbibliothek« besteht aus rotem Backstein. Der ursprüngliche Bau ist als ein dreigeschossiger Block gestaltet, mit drei zu sieben Fensterachsen. Hohe Rundbogenfenster mit profilierten Bögen darüber geben der Fassade das Gesicht. Gesimse und gliedernde Einfassungen wurden sparsam und in gelbem Backstein dazwischengefügt. Der äußere Stil des Greifswalder Bibliotheksgebäudes erinnert mit seiner Umsetzung der antiken Ästhetik an die bürgerlichen Palazzi der italienischen Renaissance. Die Ausführung lag beim Kgl. Landbauinspektor Paul Emil Hofmann. Die Grundfläche umfasste 529,3 m², der Rauminhalt 9.792,0 m³ und es entstanden 2.400 m² Ansichtsfläche d. Büchergestelle. Die Kosten waren mit 255 000 Mark veranschlagt worden, es mussten aber nur 217 193 Mark ausgegeben werden.

Martin Gropius’ entscheidende Neuerung, die er mit seinem Greifswalder Entwurf in die deutsche Bibliotheksarchitektur einbrachte, lag in der konsequenter Abkehr vom bisher üblichen Typus einer Saalbibliothek und in der Planung der ersten Magazinbibliothek in Deutschland, als im späten 19. Jahrhundert noch der große Büchersaal mit umlaufenden Wandregalen Standard für den Bibliotheksbau war. Gropius gelang eine technisch moderne, vor allem Platz optimierende und daher kostengünstige Raumplanung durch die Trennung in einen Arbeitsbereich und ein davon abgeschiedenes, kompaktes Büchermagazin, das selbst tragend und in ansprechender Formgebung als Skelettkonstruktion aus Gusseisen erbaut wurde.

Ein Zwillingsbau entstand mit derselben Funktion in den Jahren 1881-84 in Kiel; außerdem waren dem Architekten Ludwig v. Tiedemann für seinen Neubau der Universitätsbibliothek in Halle (Saale) 1876 Gropius’ Greifswalder Pläne als Vorbild empfohlen worden.

Unter der Aufsicht des Oberbibliothekars Prof. Joseph Staender, des ersten leitenden Berufsbibliothekars, erfolgte in der Zeit vom Sonnabend, dem 26. August, bis Freitag, dem 8. September 1882, der Umzug der Buchbestände aus der Saalbibliothek im Universitätshauptgebäude in den neuen Bau. Zu diesem Zweck wurde eine Seilbahn von der zweiten Etage des Universitätshauptgebäudes zum Haupteingang der Universitätsbibliothek gespannt, die auf 37 Metern Länge eine Höhe von 8,92 Meter überwand. Mit zwei Gondeln, an denen je zwei Kästen befestigt werden konnten, wurden während der zwölf Tage des Umzugs 3422 Kästen befördert, in denen 4.558,10 laufende Meter Bücher transportiert wurden; die großformatigen Bücher und die Handschriften mussten getragen werden. Die Kästen wurden im Universitätshauptgebäude und im neuen Bau von zwölf, zwischenzeitlich 16 Strafgefangenen getragen; für den reibungslosen Ablauf sorgten Bibliotheksmitarbeiter.

Nicht im Magazin untergebracht werden konnten die Zeitungen und die so genannten kleinen Schriften, also Schulprogramme und Hochschulschriften sowie die nichtmedizinischen Dissertationen. Diese wurden im zweiten Stock im Raum über dem Lesezimmer aufbewahrt, im Ganzen 169 lfd. Meter. Auf dem Dachboden mussten die medizinischen Dissertationen und die Zeitungen untergebracht werden, insgesamt 349,39 lfd. Meter umfassend. Für die Unterbringung dieser Bestände wurden aus der alten Saalbibliothek leer geräumte Repositorien »zweckdienlich adaptiert« aufgestellt, so dass ihr Transport ab Sonnabend, den 9. September, erfolgen konnte.

Am Montag, den 11. September 1882, war »die Übersiedelung« der Bücher vollendet, und ab Dienstag, den 26. September, war die Bibliothek wieder für das Publikum geöffnet, wobei den Mitgliedern der Universität während des Umzugs jeweils Mittwochs und Sonnabends von 12 bis 13 Uhr die Gelegenheit gegeben worden war, Bücher zu entnehmen; allerdings waren in dieser Zeit keine Fernleihen nach außen erfolgt.

Bereits beim Umzug der mehr als 125.000 Bände zählenden Bestände stellte sich heraus, dass kein Platz für Zuwachs blieb. Daher wurde durch den Regierungsbaumeister Albert Brinckmann in den Jahren 1890 bis 1892 der Magazinbereich um vier Fensterachsen nach Süden hin verlängert; die äußere Gestaltung wurde derart übernommen, dass kein Unterschied zum älteren Gebäudeteil erkennbar ist. Der Anbau umfasste 282,9 m² bebaute Grundfläche und hatte einen Rauminhalt von 5.024,0 m³; es kamen »rund 1900 qm Ansichtsfläche d. Büchergestelle« dazu. Veranschlagt waren 150 200 Mark Gesamtkosten; die Ausführungskosten lagen dagegen bei nur 118 000 Mark.


Heute beherbergt die Alte Universitätsbibliothek die Spezialsammlungen »Altes Buch & Handschriften« und »Pomeranica« sowie die Fachbestände Kirchenmusik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Bildende Kunst in Freihandaufstellung. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.

Alte Universitätsbibliothek
Foto: Thomas Böhme

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